Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett
Schwangerschaft und Geburt sind herausragende Momente in der Biografie einer Frau*. Es sind Zeiten der Transformation, welche Spuren an Seele und Körper hinterlassen. Diese Spuren können mit viel Freude und Unbeschwertheit, aber auch mit Leid und körperlichen Geburtsverletzungen einhergehen. Jede Schwangerschaft und jedes Kind prägen diese Erfahrungen individuell – das betrifft auch das Wochenbett und die Zeit danach.
Die Rolle des Beckens in der Schwangerschaft und Geburt
Das Becken – als Symbol für Gleichgewicht, als Verbindung von „oben und unten“ – beherbergt nicht nur die inneren und äußeren Geschlechtsorgane, sondern gibt auch dem ungeborenen Kind Halt. Gleichzeitig schafft es den Geburtsweg. Aufgrund der Vielzahl von Gelenken und Muskeln, die mit dem Becken verbunden sind, übernimmt dieser zentrale Körperbereich vielfältige Aufgaben.

Puerperium – Die Zeit nach der Geburt
Wir widmen uns in diesem Text der Zeit nach der Geburt, dem sogenannten Puerperium, die von Frauen häufig als besonders herausfordernd erlebt wird. Denn „die gute Hoffnung“ der Schwangerschaft ist vorbei, und das Umsorgen des Neugeborenen lenkt oft von den eigenen Bedürfnissen und Schmerzen nach der Geburt ab.
Häufige Geburtsverletzungen bei vaginaler Geburt
Unabhängig davon, wie eine Geburt verläuft, ist der Geburtsweg anfällig für körperliche Geburtsverletzungen. Diese betreffen häufig den Bauch- und/oder Genitalbereich. Besonders oft ist bei einer vaginalen Geburt (auch spontane Geburt genannt) der Damm betroffen. Der Damm (Perineum), die Region zwischen Vaginalöffnung und After, wird während der Geburt um bis zu 170 % gedehnt. Dabei entstehen in etwa 85 % der Fälle Dammverletzungen – entweder als Dammriss oder durch einen Dammschnitt (Episiotomie). (1)
Es gibt auch weitere Geburtsverletzungen, wie Labienrisse (Risse der Vulvalippen), Zervixrisse oder Verletzungen an der Klitoris.
Dammriss & Dammschnitt: Was passiert bei der Geburt?
Dammrisse werden in vier Grade eingeteilt:
- Grad 1 betrifft Haut- und Oberflächengewebe,
- Grad 2 betrifft zusätzlich die Beckenbodenmuskulatur,
- Grad 3 schließt den analen Schließmuskel mit ein,
- Grad 4 betrifft auch das Rektum.
Verletzungen des 1. und 2. Grades werden in der Regel direkt nach der Geburt unter lokaler Betäubung von GynäkologInnen oder Hebammen genäht.
Grad 3 und 4 erfordern eine umfassendere Versorgung durch FachärztInnen in einer Klinik, um spätere Komplikationen wie Stuhlinkontinenz zu vermeiden. (2)
Wundheilung & Dammschmerzen nach der Geburt
Während kleinere Dammrisse meist komplikationslos heilen, dauert die Wundheilung bei schwereren Verletzungen länger und verursacht mehr Schmerzen im Wochenbett. Wichtig: Eine objektiv gut verlaufende Wundheilung bedeutet nicht automatisch Beschwerdefreiheit. Entzündungen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) und psychische Belastungen wie postpartale Depressionen können die Folge sein. Die Nahttechnik und das verwendete Nahtmaterial (idealerweise resorbierbare Fäden) beeinflussen maßgeblich die Heilung. (3)
Was tun gegen Schmerzen beim Sex nach Geburt?
Die Wochenbetthebamme kann durch Entfernung von Fäden oder unterstützende Maßnahmen helfen. Ideale Heilungsbedingungen umfassen Ruhe, lokale Wärme über 28 °C, Zeit sowie Druck- und Zugentlastung. (4) Besonders in den ersten Tagen nach der Geburt können Kühlpads oder Arnikaauflagen wohltuend sein. Sitzringe hingegen sind nicht zu empfehlen, da sie unnötigen Zug auf die Wunde ausüben.
Sitzbäder und sanfte Spülungen mit geeigneten Zusätzen fördern Heilung und Hygiene.
Nach Abschluss der Wundheilung (kein Schorf mehr, Fäden entfernt oder resorbiert) kann mit einer Narbenmassage begonnen werden – nicht nur nach einem Kaiserschnitt. Die Massage hilft, das Gewebe geschmeidig zu halten. Unterstützt werden kann dies durch Hebammen, spezialisierte PhysiotherapeutInnen oder andere Fachkräfte.
Laut einer Studie von McDonald et al. (5) haben 85,7 % der Frauen Schmerzen beim ersten Sex nach der Geburt. Häufig ist verhärtetes Narbengewebe eine Ursache. Eine regelmäßige Narbenpflege kann helfen, die Vulva und den Damm elastisch zu halten – und ist auch noch Jahre nach der Geburt sinnvoll.
Auch ein verspannter Beckenboden kann Schmerzen verursachen. Ursachen sind z. B. traumatische Geburtserlebnisse, veränderte Organlagen oder Überlastung. Häufig wird vergessen, dass der Beckenboden sich zunächst entspannen können muss, bevor gezieltes Beckenbodentraining Sinn ergibt. Es hilft, die Atmung bewusst wahrzunehmen und den Beckenboden in seinen natürlichen Bewegungen zu erspüren.
Tipp:
Leg dich auf den Rücken (ggf. Becken hochlagern), Hand auf den Bauch – spüre den Atemrhythmus. Beim Einatmen senkt sich der Beckenboden Richtung Füße, beim Ausatmen zieht er sich zurück. Stelle dir ein Segel im Wind vor – leicht, schwingend, frei.

Neben den körperlichen Ursachen spielt auch die emotionale Ebene eine zentrale Rolle bei Schmerzen nach der Geburt. Emotionen wie Angst, Enttäuschung oder Trauer wirken sich direkt auf den Muskeltonus des Beckenbodens aus. (6) Unverarbeitete Gefühle verstärken muskuläre Verspannungen, behindern die Durchblutung und fördern Schmerzen.
Dieses Zusammenspiel beschreibt das Angst-Verkrampfung-Schmerz-Modell von Dick-Read (1961). (7)
Deshalb ist es wichtig, Ängste bewusst zu machen und über Geburtserlebnisse sprechen zu können. Hebammen und ÄrztInnen sollten Raum dafür geben. Besonders das Zwerchfell und der Kiefer spielen beim emotionalen Ausdruck eine zentrale Rolle. (8) Atem anhalten, Kiefer anspannen, Körpersystem einfrieren – all das behindert die emotionale Entladung. Tiefes Atmen hilft, Spannung zu lösen und das vegetative Nervensystem zu regulieren.
Weitere hilfreiche Maßnahmen:
- Bewegung (z. B. neurogenes Zittern, Yin Yoga),
- sanfter Körperkontakt (Stillen, Kuscheln etc.),
- Ausdruck über Stimme (Singen, Tönen).
Fazit: Schmerzen nach Geburt erkennen, ernst nehmen und heilen
Es gibt viele Ursachen für Schmerzen nach der Geburt. Jede Frau hat dabei ihre ganz eigene Geschichte, Wahrnehmung und Bedürfnisse. Eine gute Aufklärung über Geburtsverletzungen und deren Behandlung, sowie empathische Begleitung und Raum für Gespräche, sind essenziell für die Heilung. (9) Das bewusste Annehmen von Verletzungen kann ein Weg zu mehr Gesundheit und Selbstfürsorge sein.
Unser Appell:
Lasst euch nicht vertrösten. Fordert Unterstützung ein. Und Fachpersonal: Hört empathisch zu und begründet jede Intervention respektvoll.
Fortbildungstipp:
In unserem Webinar “Arbeitsplatz Beckenboden” erfährst du, welche Übungen und Geburtspositionen geeignet sind, um Komplikationen unter der Geburt und anschließende Beschwerden zu vermeiden.
Wenn du mehr über Beckenbodentraining vor und nach der Geburt erfahren möchtest und deine Frauen dabei auf dem neuesten Stand begleiten möchtest, dann ist unsere Beckenbodentrainerinnen Ausbildung für dich genau richtig!
* Wir sprechen im Text von Frauen, möchten jedoch alle Menschen einbeziehen, die sich mit dem Thema verbunden fühlen.
In seiner vollen Länge erschien dieser Artikel original in der “clio – Die Zeitschrift für Frauengesundheit” des FFGZ Berlins. Ein großer Dank geht an dieser Stelle an diese wertvolle Arbeit des Gesundheitszentrums für Frauen!
Quellen:
(1) R. Goh, D. Goh, H. Ellepola. Perineal tears – A review, 47 (2018), pp. 35-38
(2) S2-K-Leitlinie “Management von Dammrissen III und IV° nach vaginaler Geburt“, 2020
(4) Kirstin Büthe, Cornelia Schwenger-Fink, Evidenzbasierte Wochenbettpflege, 2. Auflage
(6) V. Heinrich-Clauer, Zur Wechselwirkung von emotionalen Schutzreaktionen und Muskeltonus, Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart, 2014
(7) Dick-Read, G. (1961). Mutterwerden ohne Schmerz. Die natürliche Geburt (10. Aufl.). Hamburg, Deutschland: Hoffmann und Campe
(8) Lowen A. Bioenergetik. Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper. Reinbek: Rowohlt; 1979